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Reizreduzierung als Standard
Die meisten Apps zeigen alles auf einmal. Autistic Mirror zeigt zuerst das Nötigste. Wer mehr Kontext braucht, klappt ihn auf. Diese Voreinstellung ist kein Sparmodus, sondern die Folge einer neurologischen Beobachtung.
Warum reizreduziert der Standard ist
Autistische Verarbeitung filtert sensorische und visuelle Reize oft anders. Das sensorische Gating, also der unbewusste Mechanismus, der unwichtige Reize früh in der Verarbeitung dämpft, arbeitet bei vielen autistischen Menschen weniger automatisch. Mehr Reize erreichen die bewusste Verarbeitung. Was bei neurotypischer Verarbeitung im Hintergrund verschwindet, steht hier im Vordergrund.
Dazu kommt Predictive Coding. Das Gehirn rechnet permanent vorher aus, was als nächstes wahrgenommen wird, und schickt nur die Abweichung als Signal weiter. Nach diesem Modell gewichtet autistische Verarbeitung die tatsächlichen Sinnesdaten stärker und gleicht Abweichungen weniger großzügig aus. Eine Webseite, die ohne Vorwarnung 20 Sektionen aufklappt, erzeugt 20 Abweichungen, die alle bearbeitet werden wollen.
Beides zusammen kann zur Reizfilter-Erschöpfung führen, einem Zustand, in dem die kognitiven Ressourcen, die für das Filtern aufgewendet werden, für den eigentlichen Inhalt nicht mehr da sind. Ein User, der drei Minuten lang Pricing-Karten parst, hat dann oft keine Energie mehr für die Frage, die ihn eigentlich hergebracht hat.
Wo das in der App sichtbar ist
Reizreduzierung ist nicht eine Einstellung an einer Stelle. Sie ist die Grundausrichtung mehrerer Oberflächen gleichzeitig.
Startseite. Die Startseite öffnet kompakt: Einstieg, die Perspektiven als Reiter, eine kurze Preiszeile, ein kurzer Hinweis auf die Quellen. Vergleich mit generischer KI, Ablauf, Begleitdiagnosen, Geschichte, Vertrauen und die weiteren Sektionen existieren alle, sind aber eingeklappt und über „Mehr anzeigen“ erreichbar.
Preisseite. Drei Tarife kompakt nebeneinander: Reflect, Mirror, Deep. Preis und Kernidee. Fragen und Antworten, Tarifvergleich und der Transparenz-Block sind eingeklappt und über „Mehr anzeigen“ erreichbar.
Menü und Footer. Im reduzierten Zustand zeigt das Menü oben nur Startseite, Einloggen, Konto erstellen und Preise. Der Footer zeigt nur die Pflichtangaben. Ein Klick auf „Mehr“ blendet die weiteren Bereiche ein.
Chat. Bewertungs-Knöpfe unter Antworten treten zurück, der Tipp-Effekt lässt sich ausschalten, Beispielfragen im leeren Chat lassen sich ausblenden. Der Kopf der Chat-Seite ist dauerhaft kompakt, selten gebrauchte Aktionen liegen in einem Menü.
Einstellungen, Bereich Reizreduzierung. Hier wird der Standard verfeinert. Ein Hauptschalter mit „An“ und „Aus“ setzt eine Voreinstellung. Dazu kommen acht Detail-Schalter mit „Auto“, „An“ und „Aus“. „Auto“ folgt dem Hauptschalter, „An“ oder „Aus“ überstimmen ihn für dieses eine Detail. Unter jedem Schalter steht in einfacher Sprache, was sich konkret ändert.
Was die acht Detail-Schalter tun
Damit niemand raten muss, was hinter den Optionen liegt, hier die Kurzform, so wie sie auch in der App steht:
Tipp-Effekt im Chat. Antworten erscheinen als fertiger Block, ohne dass sich Text Wort für Wort aufbaut.
Auto-Scroll. Bei einer neuen Antwort springt die Ansicht direkt nach unten, ohne sanfte Bewegung.
Feedback-Buttons eingeklappt. Die drei Bewertungs-Knöpfe unter Antworten erscheinen erst, wenn du sie anklickst.
Vorschläge in leerem Chat verbergen. Im leeren Chat erscheinen keine Beispielfragen, nur das Eingabefeld.
Kontingent nur bei wenig Rest. Die Anzeige verbleibender Nachrichten erscheint erst, wenn weniger als ein Fünftel übrig ist.
Menü und Footer reduzieren. Menü und Footer starten über alle Sitzungen hinweg kompakt.
Startseite kompakt halten. „Aus“ zeigt die volle Startseite dauerhaft beim Öffnen.
Preisseite kompakt halten. „Aus“ zeigt alle Preis-Details dauerhaft beim Öffnen.
Was sich konkret ändert, wenn du erweiterst
Der erweiterte Modus ist kein Premium-Feature und kein Upsell. Er ist die gleiche Information, nur ohne Faltung. Wer ihn wählt, sieht die volle Navigation, die vollen Preis-Details und die volle Startseite.
Wichtig für die Vorhersage: der Wechsel passiert genau dort, wo du ihn auslöst. Ein Klick auf „Mehr anzeigen“ öffnet zuerst eine kleine Bestätigung, die erklärt, was gleich passieren wird. Das ist keine Hemmschwelle, sondern Schutz vor versehentlicher Reizflut. Wer die Nachfrage mit „Reizreduziert bleiben“ schließt, wird in dieser Sitzung bis zu 24 Stunden lang nicht erneut gefragt.
Transparenz heißt nicht Reizüberflutung
Eine neue App muss Vertrauen aufbauen, und Vertrauen baut sich aus Erklärung auf. Autistic Mirror erklärt deshalb seine Architektur, seine Quellen, seine Grenzen, seine Sicherheitsschichten, sein Geschäftsmodell. Das ist viel.
Genau aus diesem Grund existieren zwei Ansichten. Die Standardansicht ist reizreduziert, weil Vertrauen sich auch aus Schutz aufbaut: aus der Beobachtung, dass die App weiß, was sie ihren Nutzerinnen zumuten darf und was nicht. Die erweiterte Ansicht ist auf Wunsch verfügbar für alle, die alle Details auf einen Blick wollen.
Transparenz und Reizschutz schließen sich nicht aus. Sie wechseln sich ab, gesteuert durch den Menschen, der gerade liest.
Haltung statt Marketing
Reizreduzierung ist bei Autistic Mirror nicht eine Funktion. Sie ist die Grundausstattung. Niemand muss zahlen, um sie zu bekommen. Niemand muss sich durchs Onboarding klicken, um sie zu finden. Sie ist da, sobald die Seite lädt.
Das ist der einzige Weg, auf dem eine App für autistische Menschen ehrlich anfangen kann. Die Erweiterung ist freiwillig, der Schutz ist Standard.
Autistic Mirror ist ein KI-Chat, der autistische Neurologie individuell und auf die jeweilige Situation bezogen erklärt. Mechanismus statt Ratschlag. Erklärung statt Korrektur. Die App ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.
Quellen
- Tavassoli, Hoekstra & Baron-Cohen (2014). The Sensory Perception Quotient (SPQ): development and validation of a new sensory questionnaire for adults with and without autism. Molecular Autism. DOI: 10.1186/2040-2392-5-29
- Robertson & Baron-Cohen (2017). Sensory perception in autism. Nature Reviews Neuroscience. DOI: 10.1038/nrn.2017.112
- Bast et al. (2025). Locus coeruleus tonic upregulation increases selectivity to inconspicuous auditory information in autistic compared to non-autistic individuals: a combined pupillometry and electroencephalography study. Molecular Autism. DOI: 10.1186/s13229-025-00678-w
- Pellicano & Burr (2012). When the world becomes ‘too real’: a Bayesian explanation of autistic perception. Trends in Cognitive Sciences. DOI: 10.1016/j.tics.2012.08.009
- Van de Cruys, Evers, Van der Hallen, Van Eylen, Boets, de-Wit & Wagemans (2014). Precise minds in uncertain worlds: Predictive coding in autism. Psychological Review. DOI: 10.1037/a0037665
- Roos et al. (2026). Participatory Development and Psychometric Evaluation of the Introspective Predictive Processing Inventory: A Self-Report Measure for Autistic and Non-Autistic Adults. Autism. DOI: 10.1177/13623613261443728