Architektur
Warum Autistic Mirror nicht halluziniert
Der häufigste Vorwurf gegen generative KI lautet Halluzination. Ein Modell soll Inhalt erzeugen, für den es keine verlässliche Grundlage hat, und füllt die Lücke mit Plausiblem. Das Risiko sitzt also immer an einer ganz bestimmten Stelle: dort, wo das Modell den Inhalt selbst erfinden muss.
Genau diese Stelle wird in Autistic Mirror auf den Punkt reduziert, an dem sie tatsächlich entsteht. Das Modell muss den Inhalt nicht erfinden, weil der Inhalt bereits da ist. Er kommt aus einem kuratierten Lexikon, in dem jeder Eintrag dreifach validiert wurde: Erstpublikation, DOI oder PubMed-ID, Abstract-Match gegen die zitierte Aussage.
Wo das Risiko sitzt
Generative KI hat eine starke Seite und eine schwache Seite. Stark ist sie im Umformulieren, im Anpassen von Ton und Sprache, im Uebersetzen einer Aussage auf den jeweiligen Empfänger. Schwach ist sie im Erfinden von Wahrheit. Beides liegt nah beieinander, weil dem Modell die Quelle einer Aussage strukturell egal ist. Ein plausibel klingender Autorenname plus ein plausibel klingendes Jahr plus ein plausibel klingender Journal-Name ergibt einen plausibel klingenden Beleg. Nur dass es ihn nicht gibt.
Die meisten KI-Anwendungen im Gesundheitsbereich tragen dieses Risiko unverändert weiter. Sie geben die Aussage aus und überlassen die Prüfung der Quelle dem Empfänger. In sensiblen Momenten ist das die falsche Lastverteilung.
Was die Architektur anders macht
Autistic Mirror trennt Wahrheit und Form. Die Wahrheit kommt aus dem Lexikon. Die Form kommt aus dem Modell. Das ist die ganze Idee.
Konkret heißt das: Wenn die App über Maskierung, Reizfilter-Erschöpfung, Predictive Coding, Double Empathy oder eines der weiteren rund sechzig kuratierten Mechanismus-Themen spricht, kommt die zugrundeliegende Aussage nicht aus dem Modell. Sie kommt aus einem Eintrag, der bereits eine Erstpublikation, einen Verlag und einen abgeglichenen Abstract hat. Das Modell darf diese Aussage situativ umformulieren, für die jeweilige Rolle anpassen, in die jeweilige Sprache übersetzen. Es darf sie nicht ersetzen, ergänzen oder mit eigenen Quellen unterfüttern.
Die Trennung steht hart im System-Prompt. Es gibt keine inline-Zitate, die das Modell selbst formulieren darf. Quellen erscheinen ausschließlich im Glossar, das aus demselben kuratierten Lexikon gespeist wird. Wer im Glossar auf einen Begriff klickt, sieht die Erstpublikation, den DOI-Link und bis zu zwei weitere validierte Studien.
Wo das Lexikon endet
Nicht jeder relevante Begriff hat heute einen Eintrag. Für einige Themen ist die Quellenlage zu dünn für die Dreifach-Prüfung. In diesem Fall bleibt die Antwort quellenfrei. Die Aussage darf nur in generischer Form stehen (zum Beispiel "Forschung zur autonomen Regulation zeigt"), nicht als spezifischer Beleg mit Autor und Jahr. Lieber quellenfrei als wackelig.
Diese Regel ist hart, weil sie die einzige ist, die Drift verhindert. Sobald eine einzige Aussage einen erfundenen DOI trägt, ist der Anker für alle anderen beschädigt.
Was übrig bleibt für die KI
Sprachliche Anpassung an die Rolle: Innensicht autistisch oder Außensicht eines Elternteils, einer Lehrkraft, einer Partnerin. Anpassung an die jeweilige Situation: ein bestimmter Konflikt, eine bestimmte Reizlage, eine bestimmte Begleitdiagnose. Anpassung an die Sprache: sieben UI-Sprachen, gleicher Mechanismus, kein Drift in entkernte Mischformen.
Das ist die Aufgabe, in der generative KI tatsächlich gut ist. Sie nimmt etwas, das bereits wahr ist, und übersetzt es so, dass es bei einem bestimmten Menschen ankommt.
Warum die Stärke aus der Evidenz kommt
Generische Chats schaffen diese Verbindung selten, weil sie entweder rein generativ sind, also halluzinationsanfällig, oder rein statisch, also nicht anpassbar. Eine FAQ aus dem Jahr 2018 ist verlässlich, aber sie spricht nicht in der Sprache der Leserin und sie nimmt die Begleitdiagnosen nicht mit. Ein generischer Chatbot ist anpassbar, aber er erfindet die Studie, auf die er sich beruft.
Autistic Mirror löst beides zusammen: feste Wahrheit plus flexible Übersetzung. Das ist die Architektur, die das Werkzeug von beiden Seiten abhebt. Und es ist der Grund, warum die Prüfkriterien für wissenschaftliche Einordnung anders aussehen als bei einer generischen Gesundheits-KI.
Was das für den Alltag bedeutet
Wer eine Antwort liest, kann den Weg von der Aussage bis zur Originalstudie in zwei Klicks gehen, sobald der Begriff im Glossar erscheint. Wer keine Quelle findet, weiß, dass an dieser Stelle bewusst keine versprochen wurde. Beides ist Teil derselben Disziplin.
Dieselbe Logik gilt für Handlungsempfehlungen. Autistic Mirror erklärt Mechanismen und ordnet Ansätze ein. Die App gibt keine therapeutische Intervention und keine personalisierte Handlungsanweisung. Was die App nicht verantworten kann, generiert sie nicht. Weder eine Quelle noch einen Rat.
Autistic Mirror ist ein KI-Chat, der autistische Neurologie individuell und auf die jeweilige Situation bezogen erklärt. Mechanismus statt Ratschlag. Erklärung statt Korrektur. Die App ist kein Medizinprodukt und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.