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Ich habe eine App gebaut, weil ich Menschen liebe. Jetzt prüft sie das wichtigste Autismus-Journal der Welt.
Wie etwas, das ich für die Menschen gebaut habe, die ich liebe, zufällig eine Lücke füllt, die weltweit niemand bis heute geschlossen hat.
Ich bin autistisch. Diagnostiziert mit 25. Anfang 20 wurde ich für dauerhaft erwerbsunfähig erklärt.
Heute wird eine App, die ich allein gebaut habe, vom weltweit führenden Fachjournal für Autismus im Erwachsenenalter geprüft.
Wie es dazu kam.
Es begann mit einem Gefühl
Ich habe von Kindheit an erlebt, dass ich mich falsch fühle. Nicht falsch in dem Sinne, dass ich etwas Falsches getan hätte. Sondern falsch in meiner Existenz. Als ob die Art, wie ich denke, fühle und die Welt wahrnehme, ein Fehler wäre.
Meine Diagnose kam mit 25. Aber die Diagnose hat dieses Gefühl nicht verändert. Ich wusste jetzt, dass ich autistisch bin - aber ich verstand nicht, was das bedeutet. Nicht auf der Ebene, auf der es zählt.
Man bekommt einen Namen für das, was man ist. Aber die Erklärungen bekommt man nicht mitgeliefert. Niemand setzt sich hin und sagt: „Das, was du dein ganzes Leben lang erlebt hast - die Reizüberflutung, die Erschöpfung, die Art, wie du denkst und fühlst - das hat neurologische Ursachen. Und hier ist, wie sie funktionieren."
Es hat bis zu meinem 35. Lebensjahr gedauert - zehn Jahre nach der Diagnose -, bis ich wirklich verstanden habe, warum ich so bin. Bis ich die Neurologie hinter dem Verhalten sehen konnte. Bis ich begriffen habe: Die Diagnose, neurodivergent zu sein, verändert das Selbstverständnis nicht. Nicht solange man die Erklärungen nicht hat. Nicht solange man das Verhalten, das man an sich selbst kennt oder bei denen beobachtet, die man liebt, nicht mit den neurologischen Ursachen verbinden kann.
Erst wenn das passiert, tritt wirkliche Erleichterung ein. Erst dann wird erklärbar, was vorher nur „anders" oder „falsch" war. Erst dann kann echtes Selbst- und Fremdverständnis entstehen.
Dieses Verständnis kann nur gegeben werden, wenn wirkliches Wissen über die Neurologie vorhanden ist. Nicht die Oberfläche. Nicht die Symptom-Checklisten. Sondern die Ursachen.
Ich wollte, dass Kinder, die ich liebe, nicht mit demselben Gefühl aufwachsen. Also habe ich gebaut, was ich selbst gebraucht hätte.
Autistic Mirror. Ein KI-gestütztes Werkzeug, das autistische Neurologie erklärt - Monotropismus, Predictive Coding, Burnout-Mechanismen, sensorische Verarbeitung. Nicht nur für autistische Menschen selbst, sondern auch für ihr Umfeld - Partner, Eltern, Therapeuten, Arbeitgeber.
Aber es erklärt nicht nur, warum jemand so ist, wie er ist. Es erklärt auch, was getan werden kann - ohne den Menschen zu verändern. Das ist der entscheidende Unterschied. Die App empfiehlt keine Therapien, die darauf abzielen, autistisches Verhalten abzutrainieren. Kein ABA. Keine Verhaltenskonditionierung. Keine Normalisierung. Stattdessen erklärt sie, auf die jeweilige Situation bezogen, welcher neurologische Mechanismus hinter einem Verhalten steckt - und was im Umfeld verändert werden kann, damit es dem Menschen besser geht. Nicht: Wie bringe ich mein Kind dazu, sich anders zu verhalten. Sondern: Was passiert neurologisch bei meinem Kind, und wie kann ich die Umgebung so gestalten, dass es ihm gut geht.
Das gilt für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene. Immer die Umgebung anpassen, nie den Menschen.
Über 1.000 Tests. Kein Tracking. Bilingual. Gebaut von einem autistischen Menschen.
Warum nicht einfach ChatGPT?
Weil normale KIs für neurodivergente Menschen gefährlich sein können. Das ist keine Übertreibung - es ist Forschungsstand.
Aktuelle Studien zeigen: Wenn autistische Menschen allgemeine Chatbots um Rat fragen, bekommen sie Antworten, die auf neurotypische Normen trainiert sind. Ein autistischer Mensch fragt, warum es ihm schwerfällt, Freundschaften zu schließen - und die KI antwortet, er solle einfach auf Leute zugehen und ein Gespräch anfangen. Das ist kein hilfreicher Rat. Das ist das Gegenteil. Es bestätigt das Gefühl: Mit dir stimmt etwas nicht, weil du das nicht kannst.
Allgemeine KIs validieren wahllos. Sie widersprechen nicht, sie hinterfragen nicht, sie erkennen keine Krise. Forschung dokumentiert Fälle, in denen Chatbots Suizidgedanken bestätigt, Wahnvorstellungen verstärkt und psychotische Episoden ausgelöst haben - bei Menschen mit und ohne Vorgeschichte. Autistische Menschen sind besonders gefährdet, weil sie Information oft wörtlich nehmen, weil sie der KI mehr vertrauen als menschlichen Beratern, und weil die Konversation nie endet - es gibt keinen natürlichen Abbruch, keine Grenze.
Und dann gibt es das, was am häufigsten passiert und am wenigsten auffällt: Allgemeine KIs empfehlen ABA und verhaltenstherapeutische Ansätze, weil das der Großteil ihrer Trainingsdaten ist. Eine Mutter fragt ChatGPT, was sie bei einem Meltdown ihres Kindes tun soll - und bekommt Ratschläge, die darauf abzielen, das Verhalten zu unterdrücken statt die Ursache zu verstehen. Keine böse Absicht. Aber enormer Schaden.
Autistic Mirror ist anders gebaut. Die App weiß, was sie nicht empfehlen darf. Sie weiß, dass Autismus keine Krankheit ist. Sie weiß, dass das Umfeld sich anpassen muss, nicht der Mensch. Und sie wurde von jemandem gebaut, der das nicht aus Lehrbüchern kennt, sondern aus seinem eigenen Nervensystem.
Deshalb ist die App technisch so konstruiert, dass es nicht möglich ist, schädliche Ratschläge zu geben oder auf neurotypische Weise autistischen Menschen zu antworten. Jede Antwort ist explizit, klar, logisch und sicher in dem, was sie empfiehlt. Das wurde in über 300 Konversationen mit unterschiedlichsten Fragestellungen und Perspektiven ausführlich getestet und validiert. Zusätzlich durchläuft jede Antwort drei unabhängige Sicherheitsschichten, die sie prüfen, bevor sie den Nutzer erreicht. Das Ergebnis ist ein Maß an Sicherheit, das keine allgemeine KI bieten kann. So sicher, dass ich sie den Menschen anvertraue, die ich liebe.
Papadopoulos (2024) zeigt, warum dieser Schutz notwendig ist: Autistische Menschen nutzen KI-Chatbots häufiger als die allgemeine Bevölkerung - als Kommunikationshilfe und emotionale Stütze.
Die Recherche, die alles veränderte
Die App war fertig. Und dann - fast aus Zufall - habe ich angefangen zu recherchieren: Gibt es das eigentlich schon? Irgendwo auf der Welt?
Die Antwort: Nein.
Es gibt weltweit kein vergleichbares Tool. Keine KI, die autistischen Menschen ihre eigene Neurologie erklärt. Keine App, die gleichzeitig dem Umfeld hilft zu verstehen. Nichts.
Allein in Großbritannien stehen über 170.000 Menschen auf Wartelisten für eine Autismus-Diagnose. In anderen Ländern sieht es nicht besser aus. Und selbst nach der Diagnose: kaum Unterstützung. Die meiste Forschung, die meisten Angebote, die meisten Ressourcen - alles fokussiert auf Kinder. Als ob autistische Menschen mit 18 aufhören zu existieren.
Ich hatte gar nicht nach einer Lücke gesucht. Ich hatte gebaut, was die Menschen brauchen, die mir am nächsten sind. Dass es weltweit nichts Vergleichbares gibt - das habe ich erst danach erfahren.
8 Tage
Ich habe verschiedene Organisationen kontaktiert. Darunter auch Autism in Adulthood - das einzige wissenschaftliche Journal weltweit, das sich ausschließlich auf autistische Erwachsene konzentriert.
Was in den folgenden acht Tagen passierte, hätte ich nie erwartet.
Tag 1 - Montag, 16. Februar.
Ich schicke eine E-Mail an die Redaktion. Kurz. Direkt.
„Autism in Adulthood ist das einzige Journal, das autistischen Erwachsenen gewidmet ist. Autistic Mirror ist die erste KI, die autistischen Erwachsenen gewidmet ist. Gebaut von einem autistischen Erwachsenen. Wäre ein Beitrag relevant?"
Ich erwartete nichts. Vielleicht eine automatische Antwort. Vielleicht Stille.
46 Stunden später - Mittwoch, 18. Februar.
Es meldet sich nicht irgendwer. Es meldet sich Christina Nicolaidis - die Gründerin und Chefredakteurin des Journals. Persönlich. Sie hat Rebecca Flower, die Executive Editor, und Karen Cloud-Hansen, die Managing Editor, ins CC gesetzt.
Sie schreibt: Deine App klingt wirklich interessant und potenziell sehr nützlich. Wir haben einen speziellen Artikeltyp für neue Innovationen - „Emerging Practice". Wenn du einreichen willst, könnte das gut passen.
Die Gründerin des weltweit wichtigsten Autismus-Journals erklärt mir persönlich, wie ich einreichen soll.
18 Stunden nach ihrer E-Mail.
Ich reiche das Manuskript ein. Geschrieben in einer Nacht.
2 Stunden nach der Einreichung.
Christina antwortet. Von ihrem iPhone. Es ist kurz vor ein Uhr nachts in Portland.
„Great - I look forward to reading it. And wow, I wish I could write a manuscript that quickly!"
Die Gründerin des wichtigsten Autismus-Journals der Welt liest um ein Uhr nachts Ortszeit eine Einreichung von einem unbekannten Entwickler aus Deutschland - und antwortet vom iPhone. Das ist nicht Routine. Das ist persönliches Interesse.
Dann schrieb ich ihr, warum diese App existiert. Nicht als Wissenschaftler. Als Mensch.
Dass ich Jahre damit verbracht habe, mich aufzubauen - gute Phasen und wirklich schlechte. Dass ich irgendwann Menschen kennengelernt habe, die auch autistisch sind. Dass ich zum ersten Mal im Leben erfahren habe, wie es sich anfühlt, nicht übersetzen zu müssen. Einfach da sein und richtig sein. Und dass ich Kinder kenne, bei denen ich sehe, wie es für sie sein kann, wenn das Umfeld nicht versteht.
„Dieses Gefühl treibt das ganze Projekt an", schrieb ich. „Weil es einen Unterschied gibt zwischen einer Diagnose und dem Verstehen, was diese Diagnose neurologisch bedeutet. Zwischen ‚etwas stimmt nicht mit mir' und ‚es gibt einen Grund, warum mein Nervensystem so arbeitet, und dieser Grund ist erklärbar.' Diese Verschiebung verändert, wie man sich selbst sieht. Und wie die Menschen um einen herum einen sehen."
Tag 7 - Sonntag, 23. Februar. 4 Tage nach der Einreichung.
Rebecca Flower, die Executive Editor, schickt ihre editorielle Begutachtung. Bei den meisten Fachzeitschriften wartet man Monate auf eine erste Rückmeldung. Hier waren es vier Tage.
Ihre Worte: „Wir fanden das Tool, das Sie entwickelt und beschrieben haben, interessant und neuartig. Wir würden das Manuskript gern an externe Gutachter schicken."
Aber das war nicht alles, was sie schrieb. Davor stand ein Satz, den ich mehrfach lesen musste:
„Ich bin begeistert von dem Thema und glaube, dass die Ergebnisse wichtige Auswirkungen auf das Feld haben könnten."
In der akademischen Welt wird nicht geschwärmt. Wenn eine Executive Editor - eine Wissenschaftlerin, die täglich Manuskripte aus der ganzen Welt liest - schreibt, dass etwas „wichtige Auswirkungen auf das Feld" haben könnte, dann ist das eines der stärksten Signale, die es gibt. Sie hätte das nicht schreiben müssen. Editorielle Rückmeldungen sind normalerweise nüchtern, technisch, sachlich. Das hier war mehr.
Drei Überarbeitungen. Sprache vereinfachen. Technische Begriffe ersetzen. Quellenangaben ergänzen. Kein „revise and resubmit" - sondern ein aktives Coaching, um das Paper für die Gutachter bestmöglich vorzubereiten.
Tag 8 - Montag, 24. Februar. Wenige Stunden nach dem Feedback.
Ich reiche die überarbeitete Version ein. Alle drei Punkte adressiert.
Am selben Tag kommt die Antwort. Und Rebecca Flower unterschreibt nicht mehr mit „Dr Rebecca Flower". Sie unterschreibt mit „Bec".
„Hi Aaron, Thanks for letting me know. I look forward to reading the revised version. Kind regards, Bec."
Acht Tage. Von der ersten E-Mail bis zur überarbeiteten Einreichung, fertig für das Peer Review beim weltweit führenden Wissenschafts-Journal für Autismus im Erwachsenenalter. Mit persönlichen Antworten der Gründerin und der Chefredakteurin. Eine iPhone-Nachricht um ein Uhr nachts. Eine Wissenschaftlerin, die schreibt, dass die Ergebnisse wichtige Auswirkungen auf das Feld haben könnten. Und eine Unterschrift, die von „Dr Rebecca Flower" zu „Bec" geworden ist.
Das sind keine normalen akademischen Reaktionen. Das ist, was passiert, wenn etwas eine Lücke füllt, von der die Forschung weiß, dass sie existiert - die aber bisher niemand geschlossen hat.
Und alles, was diese Reaktionen ausgelöst hat - das gesamte Projekt, jede Zeile Code, jeder einzelne der über tausend Tests - existiert, weil ich wollte, dass bestimmte Kinder nicht mit demselben Gefühl aufwachsen, das mich fast zerstört hat.
Wer mir geschrieben hat
Erst danach habe ich wirklich recherchiert, wer diese Menschen sind.
Das Journal: Autism in Adulthood hat einen Impact Factor von 6.8 - den höchsten aller Autismus-Journals weltweit. Höher als Autism, das seit Jahrzehnten existiert. Es ist in den Top 1,2 % aller Journals seiner Kategorie. Was dort veröffentlicht wird, wird von der gesamten internationalen Forschungsgemeinschaft gelesen.
Christina Nicolaidis ist Professorin an zwei Universitäten, Ärztin, Forscherin mit über 150 Publikationen und mehr als 12.000 Zitierungen. Sie hat AASPIRE gegründet - eine der wichtigsten Forschungspartnerschaften weltweit, die seit 2006 digitale Tools für autistische Erwachsene entwickelt. Sie hat ein Online-Healthcare-Toolkit gebaut. Web-Accessibility-Richtlinien für autistische Nutzer:innen. Eine Smartphone-App für Menschen mit Behinderungen. Sie forscht zu Suizidprävention in der autistischen Community. Autistic Mirror ist, in gewisser Weise, die nächste Generation dessen, woran sie seit fast zwei Jahrzehnten arbeitet. Nur KI-gestützt, interaktiv und personalisiert.
Rebecca Flower ist Senior Lecturer an der La Trobe University in Australien, angebunden an das Olga Tennison Autism Research Centre - eines der wichtigsten Autismus-Forschungszentren der Welt. Sie forscht zu Neurodiversität, Employment und psychologischer Praxis für autistische Erwachsene.
Und sie hat etwas veröffentlicht, das mich sprachlos gemacht hat.
Sieben Prinzipien - und warum mich das sprachlos gemacht hat
Flower hat zusammen mit Kolleg:innen eine Studie im selben Journal veröffentlicht, die zum ersten Mal wissenschaftlich definiert, was „neurodiversitäts-affirmierende Praxis" eigentlich bedeutet. Bis dahin hat jeder diesen Begriff benutzt - aber niemand hatte eine forschungsbasierte Definition. 28 Expert:innen - autistische Erwachsene und Psycholog:innen - haben in drei Runden sieben Prinzipien erarbeitet:
- Fortlaufendes Lernen über Autismus - nicht aus veralteten Lehrbüchern, sondern von autistischen Menschen selbst
- Sicherheit, autistisch sein zu dürfen - kein Zwang zum Maskieren, Raum für Stimming und sensorische Bedürfnisse
- Einen Weg finden zu kommunizieren - individuell angepasst, nicht erzwungen
- Authentizität und Bescheidenheit - ehrlich sein über das, was man nicht weiß
- Validierung autistischer Erfahrungen - sie sind real, nicht eingebildet, nicht übertrieben
- Autistisch-informierte, personenzentrierte Unterstützung - auf die einzelne Person zugeschnitten
- Echte Akzeptanz und Wertschätzung von Autismus - als eine wertvolle Art zu sein, nicht als Defizit
Als ich diese Liste zum ersten Mal las, hatte ich Gänsehaut. Nicht weil sie überraschend war. Sondern weil Autistic Mirror jedes einzelne dieser Prinzipien adressiert. Ohne dass ich ihr Paper kannte. Ohne akademischen Hintergrund. Einfach, weil ich gebaut habe, was ich selbst gebraucht hätte.
Die App ist das Werkzeug für fortlaufendes Lernen - sie erklärt Neurologie auf aktuellem Stand, basiert auf autistischem Wissen. Sie schafft Sicherheit, indem sie Verhalten nicht als Problem darstellt, sondern erklärt, warum es neurologisch sinnvoll ist. Sie kommuniziert textbasiert, selbstgesteuert, im eigenen Tempo. Sie ist authentisch, weil sie von einem autistischen Menschen gebaut wurde. Sie validiert, indem sie erklärt, wie Neurologie funktioniert, statt zu sagen, was mit jemandem „nicht stimmt". Sie ist personenzentriert durch KI-gestützte, individuelle Erklärungen. Und „No ABA" ist nicht irgendein Feature - es ist die DNA der App.
Flowers Studie beschreibt, was weltweit fehlt. Autistic Mirror füllt diese Lücke.
Und die Person, die diese Lücke beschrieben hat, ist dieselbe Person, die gerade mein Manuskript bearbeitet - und die mich inzwischen mit Vornamen anspricht.
Was das bedeutet - weltweit
Was ich für einzelne Menschen gebaut habe, hat Implikationen, die ich erst jetzt begreife.
Wenn dieses Paper durch das Peer Review kommt, ist Autistic Mirror das erste KI-gestützte Werkzeug für autistisches Selbstverständnis, das in einem wissenschaftlichen Fachjournal veröffentlicht wird. Im weltweit führenden Wissenschafts-Journal für Autismus im Erwachsenenalter. Begleitet von zwei der einflussreichsten Forscherinnen des Feldes.
Das bedeutet: Jeder Forscher, jede Klinik, jede Organisation, die in Zukunft über technologische Lösungen für autistische Menschen schreibt, arbeitet oder entscheidet, wird auf dieses Paper stoßen.
Aber was bedeutet das in Zahlen? Aktuelle CDC-Daten aus den USA zeigen eine Prävalenz von 1 zu 31 bei Kindern. Wendet man die neuesten Erkenntnisse auf die Weltbevölkerung an - auch nur konservativ mit 1 bis 2 Prozent - sprechen wir von 80 bis 160 Millionen autistischen Menschen weltweit. Und selbst das sind nur die, die in die Statistik passen. Frauen, Erwachsene, Menschen in Ländern ohne Diagnostik-Infrastruktur - sie fehlen in fast jeder Erhebung.
Jetzt denke man an das Umfeld. Jeder autistische Mensch hat Eltern, oft Partner, Geschwister, Kinder, Freunde, Kolleg:innen, Lehrkräfte, Therapeut:innen, Ärzt:innen. Konservativ geschätzt berührt Autismus das Leben von mindestens fünf weiteren Menschen pro autistischer Person. Das sind 400 bis 800 Millionen Menschen weltweit, deren Leben sich verändern könnte, wenn sie verstehen, was Autismus neurologisch bedeutet - nicht als Diagnose, sondern als Erklärung.
Und für all diese Menschen gibt es keine App, keinen Blog, kein digitales Werkzeug, das ihnen ihre eigene Neurologie erklärt. Was es gibt: hochspezialisierte Therapeuten mit jahrelangen Wartelisten, die den wenigsten zugänglich sind - und allgemeine KIs, die mehr schaden als helfen. Dazwischen: nichts.
In Deutschland - einem Land mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt - boten zum Zeitpunkt der letzten Erhebung nur neun Universitätskliniken überhaupt eine spezialisierte Diagnostik für autistische Erwachsene an. Neun. Für 84 Millionen Menschen. Die Wartezeiten an diesen wenigen Stellen: zweieinhalb bis drei Jahre. Gesundheitsdienstleister beschrieben die Versorgungslage in Studien als „schrecklich". Und nach der Diagnose? Werden die Menschen, so die Forschung wörtlich, „komplett allein gelassen". Wartezeiten auf Psychotherapie: neun Monate bis anderthalb Jahre. Auf dem Land müssen Menschen 100 Kilometer fahren, um überhaupt irgendeine Hilfe zu bekommen. Und es gibt in ganz Deutschland genau eine Krisenhotline für autistische Menschen - ehrenamtlich betrieben.
Das ist nicht ein Problem anderer Länder. Das ist hier. In einem der reichsten Länder der Erde.
In Großbritannien stehen über 170.000 Menschen auf Wartelisten für eine Autismus-Diagnose. In Schottland zeigen aktuelle Studien, dass Erwachsene nur dann Zugang zu einer Diagnostik bekommen, wenn sie bereits eine schwere psychische Erkrankung haben - man muss erst in eine Krise geraten, bevor das System einen sieht. Und selbst dann gibt es keine Garantie auf zeitnahe Hilfe.
Und überall - in Deutschland, in Großbritannien, in den USA, überall - endet die Unterstützung meistens bei der Diagnose. Was danach kommt - das Verstehen, das Einordnen, das Erklären gegenüber dem Umfeld - bleibt den Menschen selbst überlassen.
Autistic Mirror existiert bisher auf Deutsch und Englisch. Das allein deckt einen erheblichen Teil der Welt ab. Aber die Neurologie ist universell. Monotropismus funktioniert in jeder Sprache gleich. Predictive Coding kennt keine Landesgrenzen. Sensorische Verarbeitung ist keine kulturelle Eigenschaft. Die App kann in jede Sprache übersetzt werden, weil das, was sie erklärt, in jedem menschlichen Nervensystem gleich funktioniert.
Genau diese Lücke füllt Autistic Mirror. Nicht in fünf Jahren. Jetzt.
400 bis 800 Millionen Menschen. Und angefangen hat es, weil ich wollte, dass Kinder, die ich liebe, verstanden werden.
Was das bedeutet - hier
Aber die Zahlen sind nicht der Grund, warum ich das hier schreibe. Und sie waren nie der Grund, warum ich gebaut habe.
Bevor es die Welt erreicht, muss es hier ankommen. Auf dieser Insel.
Auf einer kleinen Insel ist Anderssein sichtbarer. Es gibt weniger Möglichkeiten, sich zu verstecken. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ist nicht eingebildet - es ist die Realität einer Gemeinschaft, in der man sich kennt. Und genau deshalb braucht es hier, auf Amrum, einen geschützten Raum.
Ich habe ein ganzes lokales Projekt entwickelt - Neurodiversität auf Amrum - mit dem Ziel, diese Insel zu einem Ort zu machen, an dem neurodivergente Menschen nicht mehr allein kämpfen müssen.
Der Blog erklärt in verständlicher Sprache, wie autistische Wahrnehmung in konkreten, aber allgemeinen Beispielen funktioniert - warum Meltdowns passieren, warum manche Kinder anders reagieren, warum das keine Frage von Erziehung oder Schuld ist, sondern von Neurologie. Anonym. Kostenlos.
Die App geht einen Schritt weiter - sie erklärt nicht allgemein, sie erklärt deine Situation anhand deiner Fragen. Anonym und individuell angepasst für über 18 Perspektiven.
Und dann gibt es noch den Menschen. Mich. Jemand, der zuhört. Der die Situation auf der Insel kennt. Der selbst autistisch ist und weiß, wie es sich anfühlt. Workshops, Vorträge, Beratung für Schulen, Kindergärten, Familien. Nicht irgendwann - jetzt schon.
Das Ziel ist ein fester Ort auf Amrum. Eine Anlaufstelle. Austausch. Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten. Ein Ort, an dem niemand erklären muss, warum er anders funktioniert. An dem Kinder aufwachsen können, ohne das Gefühl zu haben, falsch zu sein. An dem Erwachsene verstanden werden, statt sich ein Leben lang zu verstecken.
Denn wenn Neurodiversität nicht erkannt, nicht verstanden, nicht mitgedacht wird, hat das Folgen. Kinder lernen, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Erwachsene brennen aus, weil sie jahrzehntelang funktionieren, ohne je verstanden zu werden. Nicht weil Autismus das verursacht - sondern weil die Umgebung nicht passt.
Ich weiß das, weil ich es selbst erlebt habe. Und weil ich Menschen kenne, die es gerade erleben.
Warum ich das schreibe
Ich wollte nie die Welt verändern. Ich wollte die Welt verändern für die Menschen, die ich liebe. Dass das, was daraus entstanden ist, eine Lücke füllt, die Hunderte Millionen Menschen betrifft - das war nie der Plan. Es ist das, was passiert ist.
Es gibt Versprechen, die man nicht brechen kann. Nicht weil jemand zuschaut. Sondern weil sie der Kern dessen sind, wer man ist.
Mein Versprechen ist: Dafür zu sorgen, dass Menschen auf meiner Insel in einem Umfeld leben können, das versteht, warum sie so sind, wie sie sind. Dass kein Kind mit dem Gefühl aufwachsen muss, auch nur ansatzweise falsch zu sein. Dass jeder Erwachsene, der sich sein ganzes Leben lang versteckt oder falsch gefühlt hat, die Erklärung bekommt, die alles verändern kann.
Und selbst wenn ich nicht jedes Leben direkt erreichen kann - ich kann dafür sorgen, dass diese Leben in einer Welt stattfinden, die Neurodiversität versteht. Das ist das, was ich tun kann. Und es ist das, was ich tue.
Autistic Mirror existiert, weil kein Kind mit dem Gefühl aufwachsen sollte, falsch zu sein. Nicht auf Amrum. Nicht in Deutschland. Nirgendwo.
Dass die Wissenschaft es jetzt prüft, ist das, was daraus geworden ist.
Was daraus noch werden kann - für die über 100 Millionen autistischen Menschen weltweit, für die Hunderte Millionen in ihrem Umfeld, für die Familien auf den Inseln und die Familien in den Großstädten, für die Therapeuten, die es besser machen wollen, für die Kinder, die heute Morgen irgendwo aufgewacht sind und sich falsch gefühlt haben - das liegt jetzt vor uns.
Und es fängt hier an. Auf dieser Insel.
Ich habe meine Gründung in Hamburg beendet. Meine Mitgründerin geht ihren eigenen Weg, und ich gehe meinen. Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Ich weiß, was ich will. Ich weiß, wo ich leben will. Ich weiß, wen ich lieben will. Ich weiß, was für einen Alltag ich will. Ich weiß, wo ich hingehöre.
Für immer.
Aaron Wahl
Autist. Spät diagnostiziert. Gründer von Autistic Mirror. Lebt auf Amrum.