Autistische Erwachsene warten Jahre auf einen Therapieplatz. Wenn sie überhaupt einen finden, der Autismus versteht. In der Zwischenzeit: keine Erklärung. Kein Rahmen. Nur das eigene Erleben ohne Kontext.
Eltern autistischer Kinder stehen vor dem gleichen Vakuum. Ihr Kind reagiert auf eine Weise, die sie nicht einordnen können. Ratgeber sagen „Jedes Kind ist anders." Therapeuten sind überlastet. Niemand erklärt den Mechanismus.
Die Forschung, die Autismus von innen erklärt, existiert. Monotropismus, Predictive Coding - wie dein Gehirn ständig Vorhersagen über die Welt trifft. Das Double Empathy Problem - das gegenseitige Verständigungsproblem zwischen autistischen und neurotypischen Menschen. Das ist kein Randwissen. Aber diese Theorien stecken in akademischen Journals. Monotropismus hat erst 2023 einen validierten Fragebogen bekommen. Niemand hat diese Erkenntnisse jemals in eine Form übersetzt, die ein autistischer Mensch am Küchentisch nutzen kann.
Dazu kommt: Der gesamte digitale Markt ist auf Kinder ausgerichtet. Das Durchschnittsalter in Studien zu digitalen Autismus-Interventionen liegt bei 10,6 Jahren. Tiimo, Goblin Tools, Brain in Hand - Alltagshilfen, keine Erklärungswerkzeuge. Autistische Erwachsene sind in der digitalen Produktlandschaft praktisch unsichtbar.
Die meisten Autismus-Apps fallen in zwei Kategorien. Verhaltensmanagement-Tools, die autistischen Menschen beibringen sollen, neurotypischer zu wirken. Oder Eltern-Apps, die Checklisten und ABA-nahe Strategien liefern. Das bedeutet: Verhaltensanpassung durch Konditionierung. Beide behandeln Autismus als Problem, das gelöst werden muss. Nicht als Neurologie, die verstanden werden kann.
Der Grund: Die meisten Autismus-Tools werden von Nicht-Autisten gebaut. Von Menschen, die Autismus von außen beobachtet haben - als Therapeuten, Forscher, Eltern. Diese Perspektive produziert Tools, die Verhalten korrigieren statt Erleben zu erklären. Das ist das Double Empathy Problem in Produktform.