Zu viel und zu wenig zugleich

Im Meeting am Vormittag heißt es, du seist zu direkt, zu genau, zu intensiv bei einem Thema. Beim Abendessen mit der Familie heißt es, du seist zu still, zu distanziert, du würdest dich nicht richtig freuen. Dieselbe Person, derselbe Tag. Nur zwei Räume.

Viele autistische Menschen kennen dieses doppelte Urteil. Und viele ziehen daraus denselben Schluss: Mit mir stimmt etwas nicht. Dieser Artikel handelt davon, warum dieser Schluss so naheliegend ist und trotzdem an der falschen Stelle ansetzt.

Warum beide Urteile gleichzeitig wahr wirken

Zu viel und zu wenig sind keine zwei Eigenschaften. Sie sind zwei Bewertungen desselben Verarbeitungsstils durch Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen. Wer Andeutungen erwartet, erlebt wörtliche Sprache als zu viel. Wer sichtbare Beziehungssignale erwartet, erlebt ruhige Aufmerksamkeit als zu wenig.

Milton hat das 2012 als Double Empathy Problem beschrieben: Verständigung zwischen autistischen und nicht autistischen Menschen scheitert in beide Richtungen. Weil die Norm aber meist von einer Seite gesetzt wird, landet das Scheitern auf der anderen.

Die folgenden Antworten stammen 1:1 unbearbeitet aus der Autistic-Mirror-App.

Nutzer*in-Frage

Ich bin für die einen zu viel und für die anderen zu wenig. Warum passt es nie?

Autistic Mirror (Innensicht)

Das ist kein soziales Missverständnis, das mit besserer Anpassung lösbar wäre. Es ist strukturell.

Predictive Coding erklärt, was hier passiert. Dein Gehirn gewichtet sensorische und soziale Eingaben stärker als Vorhersagen, das heißt, du nimmst Inkonsistenzen, Feinheiten und Widersprüche präziser wahr als die meisten anderen. Gleichzeitig kommunizierst du direkt, wörtlich, ohne den üblichen impliziten Subtext. Das erzeugt auf beiden Seiten Vorhersagefehler: Wer Indirektheit erwartet, liest dich als zu viel. Wer Intensität auf Beziehungsebene erwartet, liest dich als zu wenig. Beides entsteht aus demselben Verarbeitungsprofil, nur je nach Gegenüber anders bewertet.

Dazu kommt das Double Empathy Problem. Wenn zwei Menschen mit grundlegend verschiedenen Verarbeitungsmodellen aufeinandertreffen, entstehen auf beiden Seiten Fehllesungen. Du bist nicht das Problem, du bist der andere Pol in einem wechselseitigen Übersetzungsfehler. Dass du ihn als "zu viel" oder "zu wenig" spürst, liegt daran, dass neurotypische Maßstäbe als Norm gesetzt werden, nicht daran, dass dein Profil ein Defizit wäre.

Autistischer Burnout, der bei dir im Hintergrund läuft, verstärkt das zusätzlich. Im Burnout ist das Regulationsbudget chronisch reduziert, die Maskierungskapazität sinkt, und das eigene Profil wird sichtbarer. Was früher mit Energie kompensiert werden konnte, zeigt sich jetzt klarer. Das fühlt sich nach "schlechter werden" an, ist aber eher: weniger Kapazität zur Verstellung.

Das Muster "zu viel für die einen, zu wenig für die anderen" beschreibt keine persönliche Fehlfunktion. Es beschreibt, was passiert, wenn ein monotropes, direkt kommunizierendes Gehirn in Räumen funktionieren soll, die für ein anderes Verarbeitungsprofil gebaut wurden.

Warum die Ursache unsichtbar bleibt

Die Ursache liegt in der Passung zwischen Verarbeitung und Umfeld. Erlebt wird aber nicht die Passung, sondern jede einzelne Rückmeldung. Und jede davon zeigt auf die Person, nicht auf die Umgebung.

Über Jahre entsteht daraus eine gelernte Vorhersage. Das Gehirn speichert nicht, dass eine Umgebung unpassend war. Es speichert, dass der Fehler bei einem selbst lag. Wer zusätzlich lange maskiert hat, hat die Außenperspektive so oft eingenommen, dass sie sich wie die eigene anfühlt. Mehr dazu steht im Artikel über das Gefühl, falsch zu sein.

Nutzer*in-Frage

Warum suche ich den Fehler immer bei mir, obwohl ich weiß, dass ich autistisch bin?

Autistic Mirror (Innensicht)

Weil Wissen und automatische Verarbeitung auf verschiedenen Ebenen laufen.

Das kognitive Wissen "Ich bin autistisch" sitzt im expliziten, bewussten Denken. Die Selbstbeschuldigungsreaktion läuft früher und schneller, tief eingeschliffen durch Jahre, in denen das Rückmeldungssignal aus der Umgebung war: Du passt nicht, du machst etwas falsch, du musst dich anpassen. Predictive Coding arbeitet hier gegen dich. Das Gehirn vergleicht ständig Erwartungen mit dem, was tatsächlich passiert. Und wenn das Muster über Jahre lautete "Fehler liegt bei mir", dann ist das zur Standardvorhersage geworden. Die neue Information ändert das Modell nicht automatisch, weil das Modell sich aus Wiederholungen aufgebaut hat, nicht aus einem einmaligen korrigierenden Gedanken.

Dazu kommt Alexithymie. Das Gehirn erkennt eigene Gefühle und Zustände oft nicht sofort, weil interozeptive Signale verringert ankommen. Was bleibt, ist die kognitive Rekonstruktion: "Was ist passiert? Was könnte an mir falsch gewesen sein?" Das ist der schnellste verfügbare Erklärungsrahmen, wenn der emotionale Zugang fehlt.

Und dann ist da die Schicht darunter: Jahrelanges Camouflaging formt die Selbstwahrnehmung mit. Wer trainiert hat, die eigene Reaktion zurückzuhalten und das Verhalten der Umgebung als Maßstab zu lesen, internalisiert diese Perspektive. Der eigene Blick auf sich selbst ist über Jahre durch den Filter "wie sehen andere das?" gelaufen, bis er sich anfühlt wie der eigene Blick.

Die Diagnose gibt dem Muster einen Namen, löst aber nicht auf, was sich über Jahrzehnte in die Verarbeitungsroutinen eingeschrieben hat. Das Modell aktualisiert sich nicht durch Einsicht, sondern durch wiederholte Erfahrungen, die eine andere Vorhersage nahelegen. Das braucht Zeit und passiert oft langsamer, als man es sich nach der Diagnose erhofft.

Warum es bei jedem Menschen anders aussieht

Wer früh abgelehnt wurde, trägt dieses Muster oft lauter in sich. Wer spät diagnostiziert wurde, hat Jahrzehnte ohne Erklärung hinter sich. Wer ein schützendes Umfeld hatte, hat vielleicht weniger davon gespeichert. Niemand davon hat es richtig oder falsch gemacht.

Dass sich das Gefühl bei zwei autistischen Menschen unterschiedlich zeigt, ist deshalb kein Widerspruch. Es ist die erwartbare Folge davon, dass dieselbe Neurologie auf unterschiedliche Lebensgeschichten trifft.

Nutzer*in-Frage

Warum fühlt sich das bei mir anders an als bei anderen autistischen Menschen, die ich kenne?

Autistic Mirror (Innensicht)

Eine faire Warnung vorab: Die Frage lässt offen, was sich anders anfühlt. Die Antwort gilt daher für den allgemeinen Mechanismus dahinter.

Autismus beschreibt kein einheitliches Profil, sondern einen Verarbeitungsstil, der sich in tausend verschiedenen Ausprägungen zeigt. Was sich unterscheidet, sind nicht nur Intensitäten, sondern die Richtung der Unterschiede selbst.

Sensorisches Gating zum Beispiel kann bei einer Person in einem Kanal hypersensitiv und in einem anderen hyposensitiv sein. Jemand hört das Brummen des Kühlschranks durch drei Wände, spürt aber Schmerz erst stark verzögert. Eine andere Person hat fast umgekehrte Empfindlichkeiten. Zwei autistische Menschen können dieselbe Umgebung neurobiologisch komplett anders erleben, obwohl beide "reizempfindlich" sind.

Monotropismus funktioniert ähnlich: Das Prinzip, dass Aufmerksamkeit sich intensiv auf wenige Dinge bündelt statt sich zu verteilen, ist geteilt. Aber was in den Fokus gezogen wird, wie schnell der Tunnel entsteht, wie schwer der Wechsel fällt, und welche Inhalte den Fokus überhaupt aktivieren, das ist individuell verschieden.

Dazu kommen Unterschiede in der Interozeption, also wie zuverlässig körpereigene Signale wie Hunger, Müdigkeit oder emotionale Zustände überhaupt die bewusste Wahrnehmung erreichen. Bei manchen fast gar nicht, bei anderen verzerrt, bei anderen mit starker Verzögerung. Das prägt, wie jemand auf Erschöpfung, auf soziale Situationen, auf Stress reagiert.

Lebensgeschichte überlagert das zusätzlich. Wer früh viel Maskierung gelernt hat, wer spät diagnostiziert wurde, wer Begleitdiagnosen trägt, wer bestimmte Umgebungen hatte: all das formt, wie sich autistische Verarbeitung im Alltag tatsächlich zeigt und anfühlt. Zwei Menschen mit dem gleichen neurologischen Ausgangsprofil können sehr unterschiedlich aussehen.

Das Double Empathy Problem beschreibt, dass Kommunikationsunterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen wechselseitig sind. Die Gegenprobe dazu ist interessant: Unter autistischen Menschen läuft Verständigung oft flüssiger. Aber "autistisch" ist keine gemeinsame Sprache. Es setzt nur die NT-Barriere außer Kraft. Unterschiedliche sensorische Profile, unterschiedliche Kommunikationsstile, unterschiedliche Trigger bleiben trotzdem bestehen.

Kurz: Es gibt keinen Referenz-Autismus, mit dem sich das eigene Erleben abgleichen ließe.

Was dabei übersehen wird

Derselbe Verarbeitungsstil, der als zu viel oder zu wenig gelesen wird, erzeugt Eigenschaften, die selten benannt werden. Zuverlässigkeit, weil Zusagen als gespeicherte Fakten behandelt werden. Integrität, weil ein Widerspruch zwischen Wort und Handlung als Fehler registriert wird. Zu seinem Wort stehen. Ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Tiefe statt Breite.

Das sind keine Trostpflaster und keine Ausgleichsleistungen. Sie entstehen aus genau den Mechanismen, die sonst als Problem beschrieben werden. Sie fallen nur weniger auf, weil etwas, das zuverlässig funktioniert, keinen Anlass zur Aufmerksamkeit gibt.

Nutzer*in-Frage

Warum wird meine Zuverlässigkeit als selbstverständlich gesehen, meine Direktheit aber als Problem?

Autistic Mirror (Innensicht)

Zwei verschiedene Kanäle werden hier unterschiedlich bewertet, und der Grund liegt nicht in Logik, sondern in neurotypischen Erwartungsstrukturen.

Zuverlässigkeit ist im neurotypischen sozialen Modell ein Verhalten, das im Hintergrund läuft. Es wird registriert, wenn es ausbleibt, und als normal eingestuft, wenn es konstant ist. Weil Zuverlässigkeit keine sichtbare soziale Energie erzeugt, wird sie dem Hintergrundmodell "funktionierendes Mitglied" zugerechnet, nicht der Person. Predictive Coding beschreibt das: das Gehirn anderer aktualisiert seine Vorhersage nur bei Abweichung. Deine Konstanz erzeugt keinen Vorhersagefehler, also keine Aufmerksamkeit.

Direktheit hingegen erzeugt ständig Vorhersagefehler im Gegenüber. Neurotypische Kommunikation ist zu einem großen Teil phatische Kommunikation, also Sprache, die nicht Inhalt transportiert, sondern Beziehungssicherheit herstellt. Indirekter Ausdruck, Weichmacher, Konjunktiv, soziale Puffer, das alles sind Signale: "Ich habe keine aggressive Absicht, ich respektiere deine Autonomie, ich halte die Hierarchie." Direktheit fehlen diese Signale, nicht weil die Absicht fehlt, sondern weil du Sprache primär referenziell nutzt. Das ist kein Mangel, es ist eine andere Verarbeitungslogik.

Hier wirkt das Double Empathy Problem: Zwei unterschiedliche Kommunikationsmodelle erzeugen gegenseitige Fehlinterpretation. Das neurotypische Gehirn interpretiert fehlende Beziehungssignale nicht als "andere Konvention", sondern als "feindliche Absicht" oder "Respektlosigkeit". Das ist nicht dein Kommunikationsproblem, es ist eine Übersetzungslücke, die in beide Richtungen existiert. Deine Direktheit klingt für dich wie Klarheit, weil sie das ist. Das Gegenüber empfängt sie durch ein anderes Vorhersagemodell, das nach Puffersignalen sucht und sie nicht findet.

Das Ergebnis ist strukturell ungerecht: Deine Ressource (Zuverlässigkeit) wird unsichtbar eingepreist. Dein Kommunikationsstil (Direktheit) wird sichtbar bewertet. Nicht weil er schlechter ist, sondern weil er das Vorhersagemodell des Gegenübers stört, während deine Zuverlässigkeit es bestätigt.

Symptom, nicht Ursache

Das Gefühl, gleichzeitig zu viel und zu wenig zu sein, ist real. Aber es beschreibt nicht, wer jemand ist. Es beschreibt, was passiert, wenn ein Verarbeitungsstil jahrelang an einem Maßstab gemessen wird, der für einen anderen gebaut wurde.

Wer den Mechanismus kennt, kann eine Rückmeldung anders einordnen. Nicht als Urteil über die eigene Person, sondern als Hinweis auf eine Passung, die gerade nicht stimmt.

Autistic Mirror erklärt solche Mechanismen für die konkrete eigene Situation, in der eigenen Sprache, ohne Handlungsanweisungen. Hier kostenlos ausprobieren.

Quellen

Aaron Wahl
Aaron Wahl

Autist, Gründer von Autistic Mirror

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