Produkt & Zugänglichkeit
Sprachfunktion: Vorlesen und Diktieren in Autistic Mirror
Autistic Mirror kann Antworten vorlesen und Spracheingabe entgegennehmen. Beides ist optional und jederzeit deaktivierbar. Dieser Artikel erklärt den neurologischen Hintergrund, die technische Umsetzung, wie die Stimmen klingen und was dabei mit den Daten passiert.
Warum eine Sprachfunktion neurologisch entlastet
Tippen ist nicht neutral. Es koppelt drei Systeme aneinander: Feinmotorik, visuelle Rückmeldung am Bildschirm und sprachliche Formulierung. Bei autistischer Verarbeitung laufen diese Systeme häufig nicht automatisch im Hintergrund mit, sondern verbrauchen exekutive Ressourcen. Wer parallel reizoffen ist, hat dafür weniger Budget.
Lesen ist ähnlich. Längere Textblöcke am Bildschirm fordern Sakkadensteuerung, Kontrastverarbeitung und Aufmerksamkeitsausrichtung gleichzeitig. An einem Tag mit hoher Reizfilter-Last, mit Migräneneigung, mit POTS-bedingter Augenermüdung oder nach einem langen Maskierungstag sind genau diese Ressourcen knapp. Eine Antwort vorgelesen zu bekommen, entkoppelt den Inhalt vom visuellen Verarbeitungsaufwand.
Diktieren statt Tippen reduziert die motorische und exekutive Last beim Formulieren. Der Gedanke wird einmal gesprochen, statt dass er parallel zum Schreiben strukturiert werden muss. Für viele autistische und AuDHD-Menschen ist das der Unterschied zwischen einer gestellten Frage und einer Frage, die nur im Kopf bleibt.
Für wen das spürbar wird
Die Sprachfunktion ist kein "Komfort-Feature". Sie senkt die Eintrittshürde für mehrere Gruppen, die in textbasierten Tools oft schweigen.
- AuDHD-Verarbeitung: Diktieren umgeht den Anfangs-Inertia-Block am leeren Eingabefeld.
- Begleitende Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Dysgraphie: Tippen kostet überproportional viel.
- Augenermüdung an POTS-, Migräne-, Fatigue- oder postviralen Tagen: Lesen am Bildschirm wird schmerzhaft.
- Phasen mit hoher Maskierungs-Last: Wenn das Sprach-Übersetzungssystem ohnehin überlastet ist, hilft jede zusätzliche Modalität.
- Motorische Begleitdiagnosen wie Ehlers-Danlos: Tastatur-Sessions sind körperlich begrenzt.
Was die Funktion technisch tut
Es gibt zwei Wege, und welcher gilt, hängt am Tarif. In allen Abonnement-Tarifen und einmalig zum Ausprobieren im Free-Tarif laufen Vorlesen und Diktieren über die Server von Autistic Mirror. Ist das einmalige Probe-Kontingent im Free-Tarif aufgebraucht, übernimmt die Sprachfunktion des Browsers.
Beim Serverweg wird der Antworttext zum Vorlesen an ein Sprachmodell geschickt und als Tonstrom zurückgegeben, der schon während der Erzeugung zu hören ist. Beim Diktieren wird die Aufnahme nach dem Sprechen in Text umgewandelt, der dann im Eingabefeld steht. Das Erkennungsmodell bestimmt die Sprache selbst, deshalb funktioniert Diktieren auch in Sprachen und in Browsern, in denen die eingebaute Spracherkennung fehlt.
Beim Browserweg nutzt die Spracheingabe die Web Speech API und das Vorlesen die Speech Synthesis API des Browsers. Welche Sprachen erkannt werden und wie die Stimme klingt, entscheidet dann das Gerät.
Beide Funktionen sind optional. Vor dem ersten Diktieren erscheint ein Hinweisdialog, der sagt, welcher Weg gerade gilt und was dabei übertragen wird. Das Vorlesen lässt sich pro Antwort starten und stoppen. Es gibt keinen Auto-Play. Wer die Funktion nicht nutzen möchte, sieht keinen Unterschied zur klassischen Texteingabe.
Wie die Stimmen klingen
Über den Serverweg klingt die Stimme natürlich und gleichmäßig, auf jedem Gerät gleich. Über den Browserweg hängt der Klang vom System ab: auf manchen Geräten flach, auf anderen mechanisch, auf wieder anderen brauchbar.
Der Serverweg kostet bei jeder Nutzung. Deshalb haben Vorlesen und Diktieren getrennte Kontingente: im Free-Tarif einmalig zum Ausprobieren, in den Abonnement-Tarifen je Abrechnungsmonat. Den Verbrauch des laufenden Monats zeigen die Einstellungen an. Ist ein Kontingent im Abonnement aufgebraucht, sagt die App das sichtbar, statt still auf die Browserstimme zu wechseln.
Die Sprachfunktion war zuerst nur über den Browser verfügbar. Eine vorhandene, klanglich nüchterne Stimme ist nutzbar. Eine fehlende Stimme ist nicht nutzbar. Die Serverstimme kam dazu, sobald sie bezahlbar war, ohne dass sich am Funktionsumfang etwas geändert hat.
Datenschutz
Beim Serverweg gehen der vorzulesende Antworttext beziehungsweise die Tonaufnahme der Spracheingabe über die Server von Autistic Mirror an den Lovable AI Gateway und von dort an den jeweiligen Modellanbieter. Gespeichert wird dabei nichts: keine Aufnahme, kein Ton, weder im Browser noch in der Datenbank noch in Protokollen. Übrig bleibt nur der erkannte Text im Eingabefeld. Die Daten werden nicht zum Training verwendet.
Beim Browserweg überträgt Autistic Mirror nichts. Ob der Browser die Verarbeitung auf dem Gerät erledigt oder Text und Ton an seinen Hersteller sendet, entscheidet der Browser selbst. Die Einzelheiten zu beiden Wegen, zu Anbietern und Rechtsgrundlagen stehen in der Datenschutzerklärung.
Der erkannte Text wird nach Bestätigung wie ein normaler Chat-Beitrag behandelt und unterliegt denselben Sicherheits- und Löschregeln wie alle anderen Eingaben.
Ein Lichtblick
Zugänglichkeit entsteht selten in einem großen Wurf. Sie entsteht, wenn Funktionen veröffentlicht werden, sobald sie nutzbar sind, und danach besser werden. Die Sprachfunktion ist ein konkretes Beispiel dafür: zuerst rau über den Browser, heute mit natürlicher Stimme über den Server, ehrlich beschriftet, jederzeit abschaltbar, ohne Zwang zur Nutzung. Wer sie braucht, hat sie. Wer sie nicht braucht, merkt nichts.
Autistic Mirror erklärt autistische Neurologie individuell, auf deine Situation bezogen. Ob für dich selbst, als Elternteil oder als Fachperson.
Quellen
- Brimo, Dinkler, Gillberg, Lichtenstein, Lundström & Åsberg Johnels (2021). The co-occurrence of neurodevelopmental problems in dyslexia. DOI: 10.1002/dys.1681