Die App, die ich als Kind gebraucht hätte

Aaron Wahl über Autismus, seinen Großvater und die Insel, die ihm den Mut gab, eine Brücke des Verständnisses zwischen Menschen zu bauen. Die hervorgehobenen Abschnitte erklären die neurologischen Unterschiede von autistischen Menschen, die dem Erleben zugrunde liegen.

Ich erinnere mich noch gut an den Teppich meiner Großeltern. Der unter dem Esszimmertisch. Ich erinnere mich daran, wie ich dort lag und den weichen Stoff unter meiner Haut spürte. Die Wohnung meiner Großeltern war der einzige Ort, an dem ich mich sicher fühlte. Egal wie laut die Welt war, wie unverständlich für ein Kind, das von Anfang seines Lebens gespürt hat, dass es anders ist.

Mein Großvater war Hilfspastor in Nebel. Amrum war die Insel meiner Kindheit. Wenn ich an Sicherheit denke, denke ich an ihn. An seine Gelassenheit. Daran, dass er mich nie zu etwas gezwungen hat, das mein Kopf nicht verstehen konnte. Er war einfach da. Und er hat mich angenommen, wie ich war.

Wenn man Glück hat, hat man solche Menschen in seinem Leben. Menschen, die nicht erwarten, dass das Kind sich verhält wie alle anderen. Die nicht versuchen, es an eine Normalität zu gewöhnen, die es neurologisch nicht verstehen kann.

Dann geschah ein schrecklicher Unfall, bei dem meine Großeltern von einem betrunkenen Autofahrer überfahren wurden. Mein Großvater lag im Sterben. Wir wurden nicht mehr zu ihm gelassen. Mit zehn Jahren schrieb ich einen letzten Brief an ihn und las ihn bei der Trauerfeier vor, in der St. Clemens-Kirche, in der er selbst einmal Pastor gewesen war. Auf Amrum warfen wir den Brief mit ins Grab.

In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Und es verschloss sich etwas, von dem ich dachte, es würde sich nie wieder öffnen.

Wie Bindung bei Autismus funktioniert

Um zu verstehen, was in den nächsten 24 Jahren passierte, muss ich erklären, wie Bindung bei autistischen Menschen funktioniert. Denn sie funktioniert anders.

Bei Autismus beruht vieles auf Logik. Man sucht Muster und Konsistenz im Leben. Das gibt Sicherheit. Bindungen sind selektiver, dafür um einiges tiefer. Bei Kindern entsteht die Bindung durch konsistente, sichere Erfahrung und verfestigt sich dann zu etwas Permanentem. Bei Erwachsenen kann vor der emotionalen Bindung eine bewusste Entscheidung stehen. In beiden Fällen gilt: Diese Bindung bleibt, solange ihre Grundlage nicht widerlegt ist. Und es braucht sehr viel, um sie zu widerlegen.

In nicht-autistischen Beziehungen verblassen Bindungen oft mit der Zeit, mit Distanz, mit neuen Erfahrungen. Das Gefühl reguliert die Bindung. Und Gefühle verändern sich. Nach einer Trennung lässt der Schmerz nach. Nach einem Umzug schläft der Kontakt ein. Nach ein paar Jahren denkt man kaum noch an Menschen, die einmal wichtig waren. Bei Autismus passiert das nicht. Die Bindung bleibt auf voller Intensität. Egal wie viel Zeit vergeht, egal wie viel Distanz entsteht. Man denkt nicht weniger an jemanden, weil man ihn länger nicht gesehen hat. Man denkt genauso viel. Oder mehr.

Für viele Familien, Partner*innen und Freunde ist genau das der Schlüssel: Was aussieht wie Sturheit, Nicht-Loslassen-Können oder fehlende Flexibilität ist in Wahrheit eine Bindungstiefe, die nicht nachlässt. Das gilt für Partner*innen, für Freunde, und für Kinder und ihre Eltern.

Mein Großvater war dieser Mensch für mich. Seine Konsistenz, seine Gelassenheit, seine bedingungslose Annahme. Daraus war eine Bindung gewachsen, die nicht mehr auflösbar war. Dann wurde sie durch den Tod einseitig gelöst. Aber die Bindung selbst war nicht widerrufen. Sie blieb. Offen, unabgeschlossen, ohne Möglichkeit zur Auflösung.

24 Jahre lang verschloss das Kind in mir sein Herz.

Falsch sein

Was folgte, waren Jahre, in denen ich lernte, dass ich so wie ich bin, nicht richtig bin. Nicht durch einen einzelnen Moment. Durch tausende.

Es fühlt sich an, als wäre die Welt zu laut, zu schnell, zu unverständlich. Man nimmt so viele Reize wahr und kommt kaum zur Ruhe.

Fast alle nicht-autistischen Gehirne filtern automatisch. Das Brummen des Kühlschranks, das Summen der Lampe, das Gespräch am Nebentisch: all das wird ausgeblendet, bevor es ins Bewusstsein kommt. Bei Autismus fehlt dieser Filter. Alles kommt gleichzeitig an, auf gleicher Lautstärke, und das Gehirn muss jeden einzelnen Reiz bewusst verarbeiten. Das kostet Energie. Den ganzen Tag. Jeden Tag.

Jedes Gespräch ist Übersetzungsarbeit. Jedes Wort, das man sagt, ist gewählt, hat seinen Platz. Aber die Rückmeldung der Welt ist: zu direkt, zu viel, zu anders. Obwohl man integer ist, loyal, gerecht. Obwohl man Versprechen hält und zu Entscheidungen steht, auch in den größten Stürmen.

Irgendwann wird man still. Wer nicht spricht, kann nicht missverstanden werden. Es sei denn, es wird zu viel im Inneren, dann gibt es Momente, wo alles raus muss. Und dann ist auch das wieder falsch. Also wird man noch stiller.

So zog eine Grundüberzeugung in mein Selbstbild ein, die sich tief einbrannte: Ich bin falsch. Wie ich denke, wie ich fühle, wie ich kommuniziere. Alles falsch.

Der hoffnungslose Fall

Mit 11 Jahren saß ich zum ersten Mal bei einem Therapeuten. Nicht weil ich es wollte. Während meiner Schulzeit war ich drei- bis viermal die Woche dort. Immer ohne dass man mich fragte. Ich saß in Praxen und sollte über Gefühle sprechen, zu denen ich keinen Zugang hatte. Therapeut*in um Therapeut*in lehnte meinen Fall ab. Zu kompliziert, sie wussten nicht zu helfen. Über zehn verschiedene Verdachtsdiagnosen bekam ich. Keine davon stimmte.

In der Schule wurde ich gemobbt. Nicht immer offen, aber durchgängig spürbar. Mir wurde vermittelt, dass ich anders bin und nicht dazugehöre. Ich hatte einen Freund, Markus, und eine Handvoll Jungs, die mich tolerierten. Lieber blöde Sprüche als komplette Einsamkeit, dachte ich damals. Heute würde ich mich anders entscheiden.

Mit 16 kam die Ausbildungswelt. Gefüllt mit Erwartungen, die eine genormte Welt an einen Menschen stellt, die ich nicht erfüllen konnte. Meine Ausbildung verlor ich, weil ein neuer Chef kam und ich ihm nicht in die Augen sehen konnte. Manchmal fixiere ich einen Punkt, wenn jemand mit mir spricht, weil ich das Gesagte filtern muss.

Autistische Gehirne verarbeiten gesprochene Sprache nicht nebenbei. Tonfall, Mimik, Wortwahl, Hintergrundgeräusche: alles muss aktiv sortiert werden. Ein Blick in die Augen des Gegenübers ist ein zusätzlicher Reiz, der diese Verarbeitung überlädt. Wegschauen ist keine Unhöflichkeit. Es ist eine Notwendigkeit, um überhaupt zuhören zu können.

Das wurde nicht als neurobiologische Besonderheit gesehen. Es wurde als Respektlosigkeit gewertet.

Mit 18 saß ich einem Klinikleiter gegenüber, der mir sagte, es gehe bei mir nicht mehr um Verbesserung. Nur noch darum, wie ich mit meinem Zustand leben könne. Hoffnungsloser Fall. So stand es in der Akte. Es folgte betreutes Wohnen, gerichtliche Entmündigung, eine soziale Phobie, die es mir jahrelang unmöglich machte, das Haus zu verlassen.

Mit 20 wurde ich lebenslang berentet. Ich war zwanzig Jahre alt. Mittlerer Schulabschluss, keine Ausbildung, kein Studium. Und ein gesetzlicher Betreuer, der für mich entschied. Dabei hatte ich immer den Wunsch gehabt, mit Menschen zu arbeiten. Wegen meines Großvaters. Weil er Pastor gewesen war und ich gesehen hatte, was das für die Menschen um ihn herum bedeutet hatte. Diese Bindung war noch da. Offen. Unabgeschlossen.

Aufgeben oder kämpfen

Es gab einen Moment, an dem ich eine Entscheidung treffen musste. Die wichtigste meines Lebens. Akzeptiere ich, dass das System mich als hoffnungslosen Fall abgestempelt hat und nehme dies für mich an? Oder kämpfe ich mich da raus?

Ich kämpfte.

Mein erstes Ziel war ein eigenes Bankkonto. Das klingt klein. Es dauerte drei Monate. Wenn man entmündigt ist, darf man nicht selbst über sein Geld verfügen. Drei Monate für etwas, das jeder 18-Jährige in einer halben Stunde erledigt. Aber es war der erste Schritt auf einem Weg, der nur mir gehörte. Ein Anfang.

Langsam, mühsam und größtenteils alleine kämpfte ich mich aus der Berentung, der Arbeitsunfähigkeit und dem betreuten Wohnen heraus. Es gab keine Abkürzung. Jeder Schritt musste erkämpft werden.

Lernen, was mir fehlte

Mit 26 kam die richtige Diagnose: Autismus. Sie erklärte alles. Rückwirkend, vollständig, logisch. Warum die Welt so laut war. Warum ich so dachte. Warum ich so funktioniere. Es war keine Krankheit sondern eine neurobiologische Besonderheit. Aber was das bedeutet und mit dem Gefühl des zu viel Seins zu tun hat, lernte ich erst viel später auf Amrum.

Als kein Amt und keine Beratungsstelle mir mehr helfen konnte, fand ich ein Trainingsumfeld, das etwas anderes tat als alle Therapien davor. Kein Reden über Gefühle. Kein Sitzen in einer Praxis. Sondern praktisches, körperliches Training. Emotionen lernen wie man Sport lernt. Und ein Sprachtraining, das mir beibrachte, wieder zu reden. Nicht angepasst, sondern als ich selbst. Beim ersten Mal löste sich mehr Anspannung als in 16 Jahren Therapie zusammen.

In diesem Umfeld traf ich auf Kristina, die Leiterin. Sie war der erste Mensch in meinem Leben, in der ich mich erkannte. Ich saß ihr gegenüber und dachte: Die denkt wie ich. Die meine Art zu denken nicht als Defizit sah, sondern als etwas, das man stärken kann. Sie und ihr Team spiegelten mir über Jahre meine Stärken wider, lange bevor ich sie selbst als Stärken erkennen konnte.

Beinahe jeder Erfolg, den ich seitdem erreicht habe, geht auf das zurück, was ich dort gelernt habe. Nicht Talent. Training. Gemeinsam mit meiner Hartnäckigkeit, bei Misserfolgen nicht aufzugeben und egal in welchen Umständen zu meinen Entscheidungen zu stehen.

Der Weg nach oben

Meinen ersten Vortrag hielt ich in einem kleinen Raum, vor einer Handvoll Menschen. Meine Hände zitterten. Meine Stimme auch. Ich redete über Autismus und darüber, was sich verändern kann, wenn man einem Menschen seine Stärken zeigt, statt ihm seine Schwächen vorzuhalten. Danach kam jemand zu mir und sagte: „Das hat mir geholfen." Dieser Satz war der Anfang.

Es wurden mehr. Unternehmen, Universitäten, Rotary Clubs. Über 130 Vorträge in drei Jahren. Meine Biografie „Ein Tor zu eurer Welt" erschien im Droemer Knaur Verlag, mit einem Vorwort von Prof. Tony Attwood, einem der weltweit bekanntesten Autismus-Experten. Ich sprach bei ARD und NDR. 2025 wurde ich als WEconomy Diversity Leader im Bereich Neurodiversität ausgezeichnet.

Jeder einzelne dieser Schritte wäre für den Jungen, der das Haus nicht verlassen konnte, undenkbar gewesen. Jeder einzelne wurde möglich, weil jemand mir gezeigt hat, was ich kann und mir ein sicheres Umfeld gab, statt mir vorzuhalten, was ich nicht kann.

Aber das Leben prüft.

Die Einrichtung, die mir so viel gegeben hatte, musste schließen. Und dann wäre ich beinahe gestorben. Eine unbehandelte Diabetes-Komplikation. Mein Körper entwickelte schwere Entzündungen, meine Blutwerte waren katastrophal. Nur weil ein Arzttermin zufällig zwei Wochen vorverlegt wurde, wurde es rechtzeitig entdeckt.

Wäre der Termin nicht verschoben worden, hätte ich den darauffolgenden Montag nicht mehr erlebt.

Nach der Notoperation lag ich monatelang im Bett. Bettlägerig, pflegebedürftig, über 230 Kilo schwer. Alles stand still.

Und dann die Entscheidung: wieder aufgeben oder wieder kämpfen.

Ich kämpfte. Wieder. Ich ging ins Fitnessstudio. Mit über 230 Kilo. Die Angst vor den Blicken der anderen war riesig. Die Scham, so anzufangen. Aber ich ging hin. Am nächsten Tag wieder. Und am Tag danach. Seitdem habe ich kein einziges Training verpasst, außer wenn ich zu krank war. Fünfmal die Woche. 85 Kilo in 11 Monaten. Und ein Umfeld im Studio, das mich vom ersten Tag an aufgenommen hat, ohne mein Gewicht jemals zum Thema zu machen.

Und ich bekam meine Hündin Finna. Zu Tieren habe ich ein besonderes Verhältnis. Sie nehmen einen bedingungslos an, wie man ist. Keine Übersetzung nötig, keine Erklärung, kein Filtern. Finna war da. Und das reichte.

Aber Hamburg wurde zu laut. Die Großstadt, die Reize, der Lärm. Mein Nervensystem brauchte etwas anderes.

Zurück nach Amrum

Im Oktober 2025 zog ich nach Amrum. Dorthin, wo mein Großvater einmal Pastor gewesen war. Dorthin, wo ich als Kind herumgelaufen war. Wo ich 2013, zum ersten Mal nach 13 Jahren, sein Grab besucht und in der Stille der Insel einen Plan für mein Leben erstellt hatte. Einen Plan, den ich dann tatsächlich umgesetzt habe.

Amrum hat etwas getan, womit ich nicht gerechnet hatte. In der Ruhe dieser Insel bin ich Menschen begegnet, die mich gespiegelt haben. In denen ich mich selbst erkannte.

Und dann, nach Jahrzehnten, durfte ich zum ersten Mal spüren, dass ich nicht zu viel bin. Nicht falsch. Nicht zu direkt, nicht zu anders, nicht zu schwierig. Sondern genau richtig. So wie ich bin.

Wer nie erlebt hat, sich grundlegend falsch zu fühlen, kann nicht ermessen, was dieser Moment bedeutet. Wenn nach 35 Jahren die Überzeugung, die sich in jeden Winkel des Selbstbilds gebrannt hat, plötzlich still wird. Nicht durch ein Argument. Nicht durch Therapie. Sondern durch einen Menschen, der einen ansieht und bei dem man spürt: Hier muss ich nichts übersetzen. Hier bin ich richtig.

Diese Begegnungen haben etwas in mir geöffnet, das ich seit dem Tod meines Großvaters für verschlossen hielt. 24 Jahre lang. Mein Herz durfte sich wieder öffnen. Nicht weil ich es geplant hätte. Sondern weil dieser Ort und diese Menschen mir gezeigt haben, dass die Bindung zu meinem Großvater nie gebrochen war. Dass das, was als Kind in mir gewachsen war, noch immer galt. Und dass ich wieder fähig war, mich vollständig zu öffnen.

Aus diesem Moment entstand der Mut, etwas zu bauen. Und der Wunsch, dass andere Kinder diese Erfahrung nicht erst nach 35 Jahren machen müssen. Sondern so früh wie möglich.

Autistic Mirror

In Deutschland leben zwischen 500.000 und 840.000 autistische Menschen. Die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt zwei bis sieben Jahre. Die Wartelisten sind laut dem Bundesverband Autismus Deutschland „nahezu überall geschlossen." Auf einer Nordseeinsel gibt es dahingehend wahrscheinlich noch weniger.

Autistic Mirror ist die App, die ich als Kind gebraucht hätte. Sie erklärt autistischen Menschen, was in ihrem Gehirn passiert. Nicht was sie tun sollen. Nicht was sie fühlen sollen. Sondern warum. Warum die Welt so laut ist. Warum eine Planänderung sich anfühlt wie ein Systemabsturz. Warum man drei Tage über eine Situation nachdenkt, die für alle anderen längst vorbei ist.

Autistische Gehirne können angefangene Denkprozesse nicht willentlich beenden. Eine ungelöste Situation läuft im Hintergrund weiter. Nicht als Grübeln, sondern als aktiver kognitiver Prozess, der Energie verbraucht, bis er abgeschlossen ist.

Ein zweiter Modus erklärt dem Umfeld, was im autistischen Gehirn passiert. Für Eltern, die nicht verstehen, warum ihr Kind auf bestimmte Reize reagiert. Für Partner*innen, die lernen wollen, dass Rückzug keine Ablehnung ist, sondern Selbstregulation. Für Geschwister, die mit dem Ungleichgewicht aufgewachsen sind.

Für Freunde, die verstehen wollen, statt zu raten. Für Arbeitgeber*innen und Kolleg*innen, die erkennen wollen, dass ein*e Mitarbeiter*in den Raum nicht aus Desinteresse verlässt, sondern weil das Nervensystem keine andere Option hat. Für Lehrer*innen, die den Unterschied zwischen Trotz und Überlastung kennen müssen. Für Betreuer*innen und Therapeut*innen, die ihren Ansatz überprüfen wollen. Für alle, die einem autistischen Menschen nahestehen und bisher nur geraten haben, was in ihm vorgeht.

Wenn ein Kind im Supermarkt zusammenbricht, ist das keine Trotzreaktion. Es ist eine neurologische Entladung. Wenn ein*e Kolleg*in plötzlich den Raum verlässt, ist das keine Unhöflichkeit. Das Nervensystem hatte keine andere Option.

Die App klagt nicht an. Sie erklärt.

Mir war von Anfang an eines am wichtigsten: Dass diese App vollkommen sicher zu benutzen ist. Autistische Menschen haben genug Erfahrungen mit Systemen gemacht, die ihnen schaden. Diese App darf keines davon sein. Ein dreischichtiges Prüfsystem kontrolliert jede einzelne Antwort, bevor sie den Nutzer erreicht. 556 automatisierte Tests decken alle Nutzergruppen ab. Ein Krisenprotokoll erkennt Belastungssignale und zeigt sofort Hilfsangebote an. 20 externe Tester*innen, autistische Erwachsene, Eltern, Wissenschaftler*innen und Therapeut*innen, haben die App geprüft. Ein unabhängiges QA-Audit wurde bestanden.

Die App empfiehlt unter keinen Umständen Methoden, die autistisches Verhalten unterdrücken oder Normalität erzwingen sollen. Sie stellt keine Diagnosen, gibt keine medizinischen Ratschläge. Kein Tracking, keine Datensammlung, DSGVO-konform. Zehn Nachrichten am Tag sind kostenlos. Jede Nachricht verursacht reale Kosten, die ich selbst finanziere. Weil es diese App geben muss.

Die Brücke

Was ich mir wünsche, ist eine Brücke zwischen Menschen mit unterschiedlich funktionierenden Gehirnen. Eine Brücke, auf der man sich in der Mitte auf Augenhöhe begegnet.

Es sind keine Charakterfehler. Es ist eine neurobiologische Besonderheit. Der autistische Mensch kann es nicht ändern, aber man kann versuchen ihn zu verstehen.

17 Jahre lang habe ich gelernt, wie man Brücken zwischen Menschen baut. In Vorträgen, in Gesprächen, durch meine Biografie, durch jede einzelne Begegnung, die mir gezeigt hat, dass Verständnis möglich ist. Autistic Mirror ist der Versuch, dieses Wissen in ein Werkzeug zu übersetzen, das nicht von meiner physischen Anwesenheit abhängt. Das rund um die Uhr verfügbar ist.

Damit autistische Menschen sich nicht mehr als falsch fühlen, sondern als Menschen mit einer neurologischen Besonderheit, die Gründe hat und erklärbar ist. Damit das Umfeld verstehen kann, was es sieht. Und damit ein Kind, das heute auf dem Teppich unter dem Esszimmertisch liegt und spürt, dass es anders ist, früher erfährt: Du bist nicht falsch. Dein Gehirn funktioniert so. Und das hat Gründe.

Amrum hat mir den Mut gegeben, das zu bauen. Durch die Verbindung zu meinem Großvater, die nie gebrochen war. Durch die Stille, die mein Nervensystem braucht. Durch Menschen, die mein Herz geöffnet haben. Diese Insel hat etwas ermöglicht, was die Großstadt nicht konnte.

Ich möchte meinen Weg mit ihr teilen. Und von hier aus etwas in der Welt bewirken.

Aaron Wahl lebt auf Amrum und ist Mitglied bei Rotary. Seine Biografie „Ein Tor zu eurer Welt" ist 2019 im Droemer Knaur Verlag erschienen.

Aaron Wahl
Aaron Wahl

Autist, Gründer von Autistic Mirror

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