Chat-Beispiel 1: Co-Regulation zwischen autistischen Partner*innen

Co-Regulation ist kein Gefühl. Es ist ein neurologischer Prozess, bei dem zwei Nervensysteme sich gegenseitig stabilisieren. Bei autistischen Paaren funktioniert dieser Prozess anders als in der klinischen Literatur beschrieben - und die Auswirkungen von Trennung sind tiefgreifender als oft angenommen.

Das folgende Beispiel zeigt, wie die Innensicht der App diese Frage beantwortet. Direkt, mechanismus-basiert, ohne Ratschläge.

Nutzerfrage

Was ist Co-Regulation zwischen autistischen Beziehungspartner*innen? Warum ist persönlicher Kontakt dabei so wichtig und was passiert, wenn man sich längere Zeit nicht sieht?

KI-Antwort (Innensicht)

Was Co-Regulation neurologisch ist

Co-Regulation beschreibt die gegenseitige Beeinflussung zweier Nervensysteme. Dein autonomes Nervensystem - der Teil, der über Sicherheit und Bedrohung entscheidet - arbeitet nicht isoliert. Es liest ständig die Signale anderer Nervensysteme und kalibriert sich daran.

Die Polyvagaltheorie (Stephen Porges) beschreibt drei Zustände deines autonomen Nervensystems: den ventralen Vagus-Zustand (soziale Sicherheit, Verbindung), den sympathischen Zustand (Kampf/Flucht) und den dorsalen Vagus-Zustand (Shutdown, Freeze). Co-Regulation bedeutet: Das Nervensystem einer anderen Person hilft deinem Nervensystem, im ventralen Zustand zu bleiben oder dorthin zurückzufinden.

Bei autistischen Menschen ist dieser Prozess spezifisch: Dein Nervensystem reagiert auf andere sensorische Signale als bei neurotypischen Menschen. Die Stimme, die Atemfrequenz, die Körperspannung, der Geruch, die vorhersagbare Bewegung deiner Partner*in - all das sind Datenpunkte, die dein Nervensystem liest. Nicht bewusst. Automatisch.

Warum physische Präsenz entscheidend ist

Videoanrufe und Textnachrichten liefern nur einen Bruchteil der sensorischen Daten, die dein Nervensystem für Co-Regulation braucht. Es fehlen:

  • Propriozeptiver Input durch körperliche Nähe (Gewicht, Druck, Wärme)
  • Geruch - einer der ältesten und direktesten Wege zum limbischen System
  • Vorhersagbare Bewegungsmuster im peripheren Sichtfeld
  • Synchronisierte Atemrhythmen
  • Die spezifische Resonanzfrequenz der Stimme ohne digitale Kompression

Für autistische Paare ist eine bestimmte Form der Nähe besonders regulierend: Parallele Präsenz. Zwei Menschen im selben Raum, jede*r in den eigenen Interessen vertieft, ohne aktive Interaktion. Das wird in der klinischen Literatur oft als „mangelnde Intimität" fehlinterpretiert. Neurologisch ist es das Gegenteil: Dein Nervensystem registriert die Anwesenheit einer sicheren Person und kann sich tiefer in den eigenen Fokuskanal fallen lassen. Das ist Monotropismus - die Aufmerksamkeit, die sich auf wenige Dinge gleichzeitig konzentriert, dafür tiefer - in seiner reguliertesten Form.

Wenn beide Partner*innen autistisch sind, entsteht eine besondere Dynamik: Doppelter Monotropismus. Zwei Nervensysteme, die beide in tiefen Fokuszuständen operieren, können sich gegenseitig stabilisieren, ohne sich zu unterbrechen. Das Double Empathy Problem (Damian Milton) - die Kommunikationsbarriere zwischen autistischen und neurotypischen Menschen - entfällt hier. Stattdessen gibt es ein intuitives Verständnis dafür, wann Stille Verbindung ist und wann Rückzug Schutz ist.

Gleichzeitig können sensorische Profile kollidieren. Was für dein Nervensystem regulierend wirkt (bestimmte Geräusche, Lichtbedingungen, Texturen), kann das Nervensystem deiner Partner*in dysregulieren. Das ist keine Beziehungsinkompatibilität. Es ist eine sensorische Kalibrierungsaufgabe.

Was bei längerer Trennung passiert

Wenn du deine Partner*in längere Zeit nicht siehst, passieren mehrere neurologische Prozesse gleichzeitig:

1. Verlust der sensorischen Kalibrierung. Dein Nervensystem hat ein implizites Modell deiner Partner*in aufgebaut - Stimme, Geruch, Bewegungsmuster, Berührungsdruck. Bei Trennung veraltet dieses Modell. Wenn ihr euch wiederseht, muss dein System die Partner*in neu kalibrieren. Das erklärt, warum die erste Stunde nach einer Trennung sich oft „seltsam" anfühlt, obwohl du dich gefreut hast. Dein Predictive Coding-System - das Gehirn als Vorhersagemaschine - hat veraltete Vorhersagen und muss updaten.

2. Erhöhte Shutdown-Anfälligkeit. Ohne den regulierenden Einfluss eines zweiten Nervensystems sinkt deine Toleranzschwelle für sensorische und emotionale Belastung. Situationen, die du mit deiner Partner*in im Raum gut verarbeiten kannst, führen allein schneller in den dorsalen Vagus-Zustand - Shutdown oder Freeze.

3. Kompensatorische Selbstregulation. Dein Nervensystem sucht Ersatz. Das kann sich zeigen als erhöhtes Stimming, intensiveres Eintauchen in Spezialinteressen, stärkeres Bedürfnis nach gewichteter Decke oder Druckstimulation, veränderte Essgewohnheiten oder Schlafmuster. Das sind keine Symptome. Das ist dein Nervensystem, das versucht, die fehlende Co-Regulation zu kompensieren.

4. Zeitwahrnehmung und Inertia. Autistic Inertia - die Schwierigkeit, Zustände oder Aktivitäten zu wechseln - kann sich bei Trennung verstärken. Ohne die externen Ankerpunkte, die eine Partner*in durch bloße Anwesenheit setzt (Mahlzeiten, Schlafenszeiten, Raumwechsel), kann dein Tag seine Struktur verlieren. Das ist keine Disziplinlosigkeit. Dein Nervensystem nutzt die Anwesenheit anderer Menschen als Zeitgeber.

Die Wiederbegegnung

Die Phase direkt nach einer Trennung ist oft die schwierigste. Dein Nervensystem will Co-Regulation, aber das veraltete Vorhersagemodell erzeugt Prediction Errors - kleine Abweichungen zwischen Erwartung und Realität. Die Stimme klingt anders als erinnert. Die Berührung hat nicht den erwarteten Druck. Das kann sich anfühlen wie Distanz, obwohl Nähe da ist.

Dieser Rekalibrierungsprozess braucht Zeit. Parallele Präsenz - gemeinsam im selben Raum sein, ohne Interaktionsdruck - ist oft der schnellste Weg, weil dein Nervensystem die sensorischen Daten in Ruhe aktualisieren kann.

Dieses Beispiel zeigt den Innensicht-Modus von Autistic Mirror. Die KI erklärt neurologische Mechanismen direkt, ohne Verhaltenstipps, ohne Defizit-Framing. Sie nutzt aktuelle Forschung (Polyvagaltheorie, Monotropismus, Predictive Coding, Double Empathy Problem) und macht sie im Alltag anwendbar.

Aaron Wahl
Aaron Wahl

Autist, Gründer von Autistic Mirror

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